Je länger ich mich mit unserem Wirtschafts- und Geldsystem beschäftige, desto mehr fällt mir auf, dass ein grundlegender Zusammenhang von vielen Menschen kaum wahrgenommen wird:
In einer kreditbasierten Wirtschaft beruhen letztlich alle Einkommen und Geldguthaben auf Schulden.
Diese Aussage wirkt zunächst irritierend. Die meisten Menschen erleben Geld als etwas, das sie durch Arbeit verdienen, sparen oder investieren. Doch auf volkswirtschaftlicher Ebene stellt sich die Situation anders dar.
Der größte Teil unseres heutigen Geldes entsteht nicht durch das Drucken von Banknoten, sondern durch Kreditvergabe. Wenn Unternehmen investieren, Maschinen kaufen, Gebäude errichten oder Waren vorfinanzieren, geschieht dies direkt oder indirekt über Kredite. Auch Staaten finanzieren einen Teil ihrer Ausgaben über Schulden. Selbst private Haushalte greifen bei größeren Anschaffungen häufig auf Kredite zurück.
Mit jeder Kreditvergabe entsteht neues Geld im Wirtschaftskreislauf.
Daraus ergibt sich eine grundlegende Beziehung:
Die Einkommen und Geldguthaben der einen sind gleichzeitig die Verbindlichkeiten anderer.
Wenn jemand über hohe Geldguthaben verfügt, bedeutet dies volkswirtschaftlich betrachtet, dass an anderer Stelle entsprechende Schulden existieren müssen. Das gilt unabhängig davon, ob es sich um Sparguthaben, Unternehmensvermögen, Wertpapierbestände oder andere Geldforderungen handelt.
Viele Menschen betrachten Schulden ausschließlich als etwas Negatives. Doch in einem kreditbasierten Wirtschaftssystem erfüllen sie zunächst eine wichtige Funktion. Sie ermöglichen Investitionen, Produktion und wirtschaftliche Aktivität. Gleichzeitig bilden sie die Grundlage für Einkommen aller Art: Löhne, Gehälter, Gewinne, Steuereinnahmen, Sozialabgaben und Renditen.
Erst durch diese wirtschaftlichen Prozesse werden Waren, Güter und Dienstleistungen hergestellt, angeboten und letztlich durch Kaufkraft nachgefragt.
Wer einen Kredit aufnimmt, setzt in der Regel einen Arbeits- und Wirtschaftsprozess in Gang. Ziel ist es, Leistungen zu erzeugen, Einkommen zu erwirtschaften und damit die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Über die daraus entstehenden Umsätze werden Kredite zurückgezahlt oder zumindest die laufenden Kapital- und Zinskosten bedient.
Dadurch entsteht ein fortlaufender Kreislauf:
- Kreditaufnahme ermöglicht Produktion.
- Produktion schafft Einkommen.
- Einkommen ermöglicht Nachfrage.
- Nachfrage erzeugt Umsatz.
- Umsatz ermöglicht Kredittilgung.
Genau dieser Kreislauf hält eine moderne Wirtschaft am Laufen.
Aus dieser Perspektive betrachtet erhalten Geldguthaben ihren Wert nicht allein durch staatliche Garantien oder das Vertrauen in eine Währung. Ihr Wert entsteht auch dadurch, dass Schuldner verpflichtet sind, reale Leistungen zu erbringen, um ihre Verbindlichkeiten zu bedienen.
Der Besitzer eines Geldguthabens kann deshalb darauf vertrauen, dass ihm fortlaufend Waren, Güter und Dienstleistungen angeboten werden. Denn irgendwo müssen Menschen, Unternehmen oder Staaten wirtschaftlich aktiv sein, um ihre Verpflichtungen erfüllen zu können.
Problematisch wird es jedoch dann, wenn dieser Kreislauf aus dem Gleichgewicht gerät.
Genau das scheint heute zunehmend der Fall zu sein.
Die weltweite Verschuldung steigt seit Jahrzehnten. Gleichzeitig wachsen die Kapitaldienste, also die Summen, die für Zinsen und Tilgungen aufgebracht werden müssen. Immer größere Teile der wirtschaftlichen Leistung fließen in die Bedienung bestehender Finanzansprüche.
Zwar gelangen diese Mittel wieder in den Geld- und Wirtschaftskreislauf zurück. Doch häufig geschieht dies nicht über schuldenfreie Kaufkraft, sondern erneut über Kreditvergabe und damit über neue Schuld.
Dadurch entsteht ein struktureller Effekt:
Auf der einen Seite wachsen Vermögen und Geldforderungen. Auf der anderen Seite steigen die Schulden, die notwendig sind, um diese Vermögensansprüche aufrechtzuerhalten.
Die Folge sind zunehmende Vermögenskonzentrationen, wachsende soziale Spannungen, Inflationstendenzen und eine steigende wirtschaftliche Unsicherheit.
Für mich sind dies Anzeichen dafür, dass sich Geldvermögen und reale Wirtschaftsleistung immer weiter voneinander entfernen.
Wenn große Geldvermögen dauerhaft angesammelt werden und überwiegend über neue Kredite wieder in den Wirtschaftskreislauf gelangen, entsteht ein wachsender Finanzierungsbedarf. Die notwendige Kaufkraft muss dann immer häufiger durch zusätzliche Verschuldung geschaffen werden.
Gleichzeitig müssen bestehende Schuldner ihre Verpflichtungen weiterhin erfüllen. Dadurch steigt der Druck auf Unternehmen, Arbeitnehmer, Kommunen und Staaten.
Die Folgen erleben wir vielerorts bereits heute:
Staaten verschulden sich immer stärker. Unternehmen kämpfen mit steigenden Finanzierungskosten. Viele Menschen haben trotz Arbeit das Gefühl, wirtschaftlich kaum voranzukommen. Junge Generationen zweifeln zunehmend daran, ob das bestehende System ihnen noch ausreichende Perspektiven bietet.
Die wachsende Unzufriedenheit vieler Menschen weltweit ist deshalb für mich nicht nur ein politisches oder gesellschaftliches Problem. Sie könnte auch Ausdruck eines wirtschaftlichen Ungleichgewichts sein, das sich über Jahrzehnte aufgebaut hat.
Je stärker sich Geldguthaben und reale Wertschöpfung voneinander entfernen, desto größer werden die Spannungen innerhalb eines Systems.
Deshalb halte ich es für notwendig, nicht nur über neue Schulden, neue Kredite oder neue Förderprogramme zu sprechen. Wir sollten uns vielmehr die grundlegende Frage stellen:
Wie kann ein Wirtschafts- und Geldsystem gestaltet werden, in dem Kaufkraft, Einkommen, Vermögen und reale Leistung dauerhaft im Gleichgewicht bleiben?
Aus meiner Sicht kann ein System langfristig nicht stabil bleiben, wenn die Geldguthaben der einen dauerhaft schneller wachsen als die Fähigkeit der anderen, die dafür notwendigen Schulden zu tragen.
Genau deshalb halte ich die Diskussion über die Ursachen unseres Geldsystems für so wichtig. Denn viele der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Spannungen unserer Zeit könnten weniger das Ergebnis individueller Fehlentscheidungen sein als vielmehr die Folge einer Systemlogik, die auf immer mehr Kredit, immer mehr Verschuldung und immer höhere Finanzansprüche angewiesen ist.
Diese Frage wird aus meiner Sicht zu einer der entscheidenden Zukunftsfragen des 21. Jahrhunderts werden. Sie betrifft nicht nur Banken, Unternehmen oder Staaten – sie betrifft letztlich jeden Menschen, der in unserer Wirtschaft lebt, arbeitet und seine Zukunft gestalten möchte.