Diese Frage beschäftigt mich immer häufiger.
Wenn ich die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte betrachte, komme ich nicht umhin zu fragen: War unser Wohlstand tatsächlich das Ergebnis einer dauerhaft gesunden wirtschaftlichen Entwicklung – oder haben wir ihn uns in erheblichem Maße durch immer neue Schulden erkauft?
Über viele Jahrzehnte galt stetiges Wirtschaftswachstum als selbstverständlich. Steigende Produktion, steigender Konsum, steigende Einkommen und wachsende Vermögen wurden zum Maßstab für Fortschritt. Doch gleichzeitig stiegen auch die Schulden – bei Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich weltweit ein Wirtschafts- und Finanzsystem, das in hohem Maße auf Kredit beruhte. Banken vergaben Darlehen, Zentralbanken sorgten für ausreichende Liquidität, Unternehmen investierten und Verbraucher konsumierten. Dieses Zusammenspiel erzeugte Wachstum – und vermittelte den Eindruck, dass Wohlstand nahezu unbegrenzt vermehrbar sei.
Lange Zeit funktionierte dieses Modell erstaunlich gut.
Mit der Globalisierung, der Öffnung der Finanzmärkte und dem technischen Fortschritt beschleunigte sich diese Entwicklung zusätzlich. Die Produktivität stieg, neue Märkte entstanden, Millionen Menschen wurden in die Weltwirtschaft integriert. Gleichzeitig wuchsen jedoch auch die Schuldenberge kontinuierlich weiter.
Die Finanzkrise von 2008 machte erstmals deutlich, wie verletzlich dieses System geworden war. Statt die strukturellen Ursachen grundlegend zu verändern, reagierte man überwiegend mit noch niedrigeren Zinsen, umfangreichen Anleihekäufen und einer weiteren Ausweitung der Geldmenge. Das bestehende System wurde stabilisiert – allerdings um den Preis einer noch höheren Verschuldung.
Genau an diesem Punkt stelle ich mir eine grundlegende Frage:
Haben wir unser Wirtschaftswachstum über Jahrzehnte immer stärker auf zukünftigen Wohlstand vorfinanziert?
Denn Schulden schaffen zunächst Kaufkraft. Sie ermöglichen Investitionen, Konsum und wirtschaftliche Aktivität. Doch Schulden sind kein dauerhaft geschaffener Wohlstand. Sie stellen zunächst einen Anspruch auf zukünftige wirtschaftliche Leistungen dar. Irgendwann müssen sie zurückgezahlt, refinanziert oder durch Inflation entwertet werden.
Je höher die Gesamtverschuldung wird, desto größer wird auch die Belastung durch Zinsen und Tilgung. Immer größere Teile der wirtschaftlichen Leistung fließen dann nicht mehr in neue Innovationen oder Investitionen, sondern in den Kapitaldienst.
Hinzu kommt eine weitere Entwicklung.
Die enorme Ausweitung der Geldmenge hat vielerorts nicht nur die Realwirtschaft gestützt, sondern auch Vermögenspreise stark ansteigen lassen. Immobilien, Aktien und andere Vermögenswerte verteuerten sich erheblich. Wer bereits Vermögen besaß, profitierte oft deutlich stärker als diejenigen, die ausschließlich von ihrer Arbeit leben.
Dadurch entstand zunehmend der Eindruck, dass Vermögenszuwächse häufig schneller wachsen als die reale Wertschöpfung.
Heute sprechen immer mehr Ökonomen davon, dass dieses System an seine Grenzen stoßen könnte. Steigende Zinsen erhöhen die Finanzierungskosten für Staaten, Unternehmen und private Haushalte. Gleichzeitig verlangsamt sich in vielen Industrieländern das Wirtschaftswachstum, obwohl die Verschuldung weiter zunimmt.
Deshalb erscheint mir die eigentliche Herausforderung nicht darin zu bestehen, immer neue Schulden aufzunehmen, sondern die grundlegende Funktionsweise unseres Wirtschafts- und Geldsystems zu hinterfragen.
Vielleicht brauchen wir ein System, das wirtschaftliche Entwicklung wieder stärker an realer Wertschöpfung orientiert – an Innovation, Bildung, Infrastruktur, technologischem Fortschritt und nachhaltigen Energie- und Stoffkreisläufen.
Aus meiner Sicht reicht es nicht mehr aus, bestehende Strukturen immer wieder mit neuen Krediten zu stabilisieren. Irgendwann müssen wir den Mut haben, über grundlegend neue Lösungen nachzudenken.
Im Rahmen meines Visionum IKS und der 60/30/10-Regel versuche ich genau diese Diskussion anzustoßen. Die zentrale Frage lautet für mich nicht mehr, wie wir immer höhere Schulden finanzieren können. Viel wichtiger erscheint mir die Frage, wie Einkommen, Kaufkraft, reale Wertschöpfung und Geldschöpfung künftig wieder in ein dauerhaft stabiles Gleichgewicht gebracht werden können.
Denn echter Wohlstand entsteht nicht dadurch, dass wir immer größere Forderungen gegenüber der Zukunft aufbauen. Er entsteht dort, wo Menschen reale Werte schaffen, natürliche Lebensgrundlagen erhalten, Innovationen hervorbringen und wirtschaftliche Leistungen so organisieren, dass sie langfristig tragfähig bleiben.
Vielleicht stehen wir tatsächlich an einem historischen Wendepunkt.
Und vielleicht besteht die eigentliche Chance unserer Zeit gerade darin, nicht nur das bestehende System zu reparieren, sondern den Mut zu entwickeln, ein Wirtschafts- und Einkommensmodell zu gestalten, das dauerhaft Stabilität, Leistungsfähigkeit und Wohlstand miteinander verbindet.
Denn eines sollten wir uns ehrlich fragen:
Wie lange kann ein Wirtschaftssystem funktionieren, wenn sein Wachstum immer stärker auf der Ausweitung zukünftiger Schulden basiert?