Wir müssen lernen, energetische Qualität zu bewahren, Materialien in geschlossenen Kreisläufen zu führen, Energie möglichst mehrfach zu nutzen und unser Handeln an den Regenerationsprozessen der Natur auszurichten. Für mich ist das eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.
Ein großer Teil unseres heutigen Wohlstands beruht noch immer auf einem linearen Prinzip: Wir entnehmen der Natur Rohstoffe, verarbeiten sie mit hohem Energieaufwand, nutzen die entstandenen Produkte für eine begrenzte Zeit und entsorgen sie anschließend. Auch Energie behandeln wir vielfach wie ein Einwegprodukt: Sie wird bereitgestellt, einmal genutzt und schließlich überwiegend als nur noch schwer nutzbare Wärme an die Umgebung abgegeben.
Dieses System hat einen hohen materiellen Lebensstandard ermöglicht. Doch es stößt zunehmend an seine ökologischen, energetischen und wirtschaftlichen Grenzen.
Energie verschwindet nicht – aber ihre Nutzbarkeit nimmt ab
Nach den Gesetzen der Physik geht Energie nicht verloren. Sie wird umgewandelt. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Energieform jederzeit gleich gut nutzbar ist. Hochwertige elektrische, mechanische oder chemische Energie wird bei vielen Vorgängen schließlich in verteilte Wärme umgewandelt, die sich nur noch eingeschränkt zur Verrichtung weiterer Arbeit eignet.
Physikalisch lässt sich diese nutzbare energetische Qualität mit dem Begriff der Exergie beschreiben. Exergie bezeichnet den Teil der Energie, der unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich noch in Arbeit umgewandelt werden kann.
Deshalb genügt es nicht, allein darüber nachzudenken, wie wir immer mehr Energie erzeugen können. Wir müssen ebenso fragen:
Wie können wir vorhandene Energie möglichst lange auf einem nutzbaren Qualitätsniveau halten? Wie können wir Abwärme, Druck, Bewegung und Lageenergie in weitere Prozesse einbinden? Wie lassen sich technische Systeme so miteinander verbinden, dass der energetische Ausgang des einen Prozesses zum Eingang des nächsten wird?
Wirklicher Fortschritt bedeutet für mich deshalb nicht, fortwährend mehr Energie bereitzustellen. Er bedeutet, mit der vorhandenen Energie wesentlich intelligenter umzugehen.
Das Hebelgesetz als Prinzip kluger Energienutzung
Schon das Hebelgesetz zeigt uns, dass nicht allein die Größe einer Kraft über ihre technische Nutzbarkeit entscheidet. Ein langer Hebel ermöglicht es, mit einer vergleichsweise kleinen Kraft eine große Last zu bewegen. Was wir dabei an Kraft einsparen, müssen wir allerdings durch einen längeren Weg ausgleichen.
Vereinfacht gilt:
Kraft × Kraftarm = Last × Lastarm.
Der Hebel erzeugt keine zusätzliche Energie. Er vermehrt auch nicht die geleistete Arbeit. Er übersetzt vielmehr eine kleine Kraft über einen längeren Weg in eine größere Kraft über einen kürzeren Weg.
Darin erkenne ich ein grundlegendes Prinzip für zukünftige Energie- und Speichersysteme: Mithilfe von Hebeln, Getrieben, hydraulischen Übersetzungen, Kolben, Pumpen und geeigneten Speichern können selbst kleinste Kräfte, die heute technisch oder wirtschaftlich kaum nutzbar erscheinen, über längere Wege und Zeiträume Arbeit verrichten.
Physikalisch korrekt bedeutet das nicht, dass bereits vollständig entwertete Energie durch einen Hebel wieder in Exergie verwandelt werden kann. Der Hebel kann aber vorhandene, bisher ungenutzte Kräfte und Energiegefälle erschließen. Wenn eine kleine Kraft lange genug über einen entsprechenden Weg wirkt, kann sie schrittweise Wasser anheben, Gewichte bewegen, Luft verdichten oder andere Speicher laden.
Die zugeführte Arbeit wird dadurch als Lage-, Druck- oder eine andere Form nutzbarer Energie gespeichert. Das energetische Potenzial des Speichers wird angehoben und kann später gezielt wieder freigesetzt werden.
Mit wenig Kraft, einem langen Weg und ausreichend Zeit kann ein energetisches Potenzial schrittweise neu aufgebaut werden.
Zeit muss Bestandteil unserer Energiesysteme werden
Unsere heutigen technischen Systeme sind überwiegend auf hohe und sofort verfügbare Leistungen ausgerichtet. Was in einem bestimmten Augenblick nur wenig Kraft oder Leistung bereitstellt, gilt häufig als uninteressant.
Doch Leistung und Energie sind nicht dasselbe. Leistung beschreibt, wie schnell Arbeit verrichtet wird. Eine geringe Leistung, die über einen langen Zeitraum wirkt, kann eine ebenso große Energiemenge bereitstellen wie eine hohe Leistung, die nur für kurze Zeit zur Verfügung steht.
Der grundlegende Zusammenhang lautet:
Energie = Leistung × Zeit.
Deshalb sollten wir Zeit nicht länger nur als Hindernis, sondern als wichtigen Bestandteil zukünftiger Energiesysteme begreifen. Kleine Wasserströmungen, geringe Druckunterschiede, langsame Bewegungen, schwankende Windkräfte oder zeitweise überschüssige Sonnenenergie könnten über Stunden, Tage oder noch längere Zeiträume Arbeit verrichten.
Sie könnten langsam Gewichte anheben, Wasser in höher gelegene Speicher pumpen, thermische Speicher laden oder Luft verdichten. Die gespeicherte Energie ließe sich anschließend dann freisetzen, wenn innerhalb eines kürzeren Zeitraums eine höhere Leistung benötigt wird.
Wir sollten daher nicht vorschnell fragen, ob eine einzelne Kraft in einem bestimmten Augenblick stark genug ist. Wir sollten fragen, welche Arbeit diese Kraft über Stunden, Tage, Jahre oder sogar über Generationen hinweg verrichten kann.
Acht Milliarden Menschen – ein bildliches Beispiel
Wie stark sich viele kleine Beiträge summieren können, lässt sich an einem einfachen Gedankenexperiment verdeutlichen.
Stellen wir uns vor, jeder der mehr als acht Milliarden Menschen auf der Erde würde einmal am Tag ein Gewicht von 50 Kilogramm um einen Meter anheben. Für den einzelnen Menschen wäre diese Leistung kaum der Rede wert. Sie würde nur wenige Sekunden dauern und ungefähr 490 Joule Lageenergie bereitstellen.
Zusammengenommen würden acht Milliarden Menschen an einem einzigen Tag theoretisch rund 3,9 Billionen Joule beziehungsweise etwa 1,1 Gigawattstunden an Lageenergie aufbauen. Bildlich gesprochen würden wir gemeinsam jeden Tag eine Masse von ungefähr 400 Millionen Tonnen um einen Meter anheben.
Wenn wir die Möglichkeit hätten, diese vielen kleinen Beiträge in einem weltweit verbundenen System zu speichern, stünde die gesammelte Energie anschließend zur Verrichtung von Arbeit zur Verfügung.
Dieses Beispiel bedeutet nicht, dass sich der weltweite Energiebedarf allein durch menschliche Muskelkraft decken ließe. Dafür ist die Energiemenge im Verhältnis zum globalen Verbrauch viel zu gering. Es zeigt aber ein entscheidendes Prinzip: Was einzeln unbedeutend erscheint, kann durch die große Zahl, die regelmäßige Wiederholung, die Vernetzung und die Speicherung zu einem beachtlichen energetischen Potenzial werden.
Praktisch wären wahrscheinlich viele lokal und regional verbundene Speicher sinnvoller als ein einziges weltweites System. Doch der Grundgedanke bleibt derselbe: Kleine Kräfte müssen nicht ungenutzt bleiben, wenn wir ihre Wirkung erfassen, sammeln und zum richtigen Zeitpunkt gemeinsam freisetzen.
Das gilt nicht nur für menschliche Muskelkraft. Fahrstühle, Kräne, Fahrzeuge, Produktionsmaschinen, Wasserleitungen und unzählige weitere Systeme bewegen, heben, bremsen, verdichten und entspannen täglich große Massen. Unsere Welt ist voller kleiner Energieflüsse, deren Arbeitsfähigkeit heute häufig ungenutzt verloren geht.
Die Primärenergieträger zeigen, was Zeit bewirken kann
Die Entstehung der fossilen Primärenergieträger ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, welche gewaltigen Potenziale durch das Zusammenwirken von Energie und Zeit entstehen können.
Kohle, Erdöl und Erdgas gingen aus organischem Material hervor, dessen energetische Grundlage überwiegend durch Sonnenlicht und Photosynthese geschaffen wurde. Über Millionen Jahre wurde diese Energie in Biomasse gebunden, unter besonderen geologischen Bedingungen umgewandelt und schließlich in konzentrierten Energieträgern gespeichert.
Die Natur verband fortwährend wirkende Energieflüsse mit unvorstellbar langen Zeiträumen. Auf diese Weise entstanden gewaltige energetische Potenziale, die der Mensch später innerhalb weniger Generationen erschließen konnte.
Diese Primärenergieträger haben uns die Kraft und gewissermaßen auch die über Millionen Jahre angesparte Zeit für unsere Entwicklung zur Verfügung gestellt. Mit ihrer konzentrierten Energie konnten wir Maschinen antreiben, Städte errichten, Verkehrssysteme aufbauen, industrielle Produktionsprozesse schaffen und unsere wissenschaftliche und technische Entwicklung enorm beschleunigen.
Doch genau darin liegt auch das Problem: Wir verbrauchen innerhalb weniger Jahrhunderte energetische Potenziale, für deren Aufbau die Natur Millionen Jahre benötigte.
Wir nutzen also nicht nur gespeicherte Energie. Wir lösen in kürzester Zeit das Ergebnis gewaltiger natürlicher Aufbauprozesse auf.
Aus diesem Zusammenhang sollten wir eine grundlegende Lehre ziehen: Unsere technische Entwicklung darf sich nicht länger hauptsächlich darauf konzentrieren, die energetischen Vorräte der Vergangenheit möglichst schnell zu verbrauchen. Wir müssen lernen, die ständig vorhandenen Kräfte der Gegenwart zu erfassen, über Zeit zu sammeln und daraus neue nutzbare Potenziale aufzubauen.
Die Prozessgröße Druck: unterschätzte Fakten und Potenziale
Neben Kraft, Weg und Zeit spielt für mich eine weitere Prozessgröße eine entscheidende Rolle: der Druck. Druckunterschiede können Materie bewegen, Arbeit verrichten und zu einer speicherbaren Form energetischen Potenzials werden.
Die Atmosphäre führt uns täglich vor Augen, welche Wirkungen bereits aus vergleichsweise kleinen Druckgefällen entstehen können. Horizontale Luftdruckunterschiede setzen Luftmassen in Bewegung. Im Zusammenspiel mit Temperatur, Feuchtigkeit, Auftrieb, Erdrotation und weiteren atmosphärischen Prozessen entstehen Winde, Stürme, Orkane, Tornados und Hurrikane.
Bereits Druckdifferenzen von wenigen Millibar können großräumige Luftströmungen verursachen. Bei schweren Stürmen und Hurrikanen können die Unterschiede zwischen dem Zentrum eines Tiefdruckgebietes und seiner Umgebung mehrere Dutzend bis über 100 Millibar erreichen. Bei kleinräumigen Extremereignissen können zeitweise auch größere Unterschiede auftreten.
Entscheidend ist dabei: Die gewaltige Energie eines Sturms entsteht nicht allein durch die Höhe des Druckunterschieds. Ebenso wichtig sind die Größe der bewegten Luftmasse, die Strömungsgeschwindigkeit, die räumliche Ausdehnung und die Dauer des Vorgangs.
Der Zusammenhang zwischen Druck, Fläche und Kraft lautet:
Kraft = Druck × Fläche.
Ein Druckunterschied von 0,1 bar entspricht 10.000 Pascal. Wirkt dieser Druckunterschied auf eine Fläche von einem Quadratmeter, entsteht theoretisch eine Kraft von 10.000 Newton – ungefähr die Gewichtskraft einer Masse von einer Tonne.
Eine zunächst klein erscheinende Druckdifferenz kann also eine enorme Kraft entfalten, wenn sie auf eine entsprechend große Fläche und Luftmasse wirkt.
Von natürlichen Druckunterschieden zur technischen Speicherung
Während die Natur meist mit relativ kleinen, dafür aber großräumig wirkenden Druckunterschieden arbeitet, kann die Technik wesentlich höhere Drücke auf begrenztem Raum erzeugen, kontrollieren und speichern.
Spezielle Druckbehälter können Druckluft mit 200 bar und mehr aufnehmen. Für großtechnische Speicher kommen unter anderem technisch abgesicherte unterirdische Behälter, Kavernen oder andere geeignete Speicherstrukturen infrage.
Ein Druck von 200 bar entspricht zahlenmäßig dem 400-Fachen einer Druckdifferenz von 0,5 bar. Daraus darf allerdings nicht abgeleitet werden, dass automatisch die 400-fache Energiemenge zur Verfügung steht. Die tatsächlich gespeicherte und nutzbare Energie hängt zusätzlich vom Luftvolumen, vom absoluten Anfangs- und Enddruck, von der Temperatur sowie von den Verlusten bei Verdichtung, Speicherung und Entspannung ab.
Der Vergleich bleibt dennoch eindrucksvoll: Wenn bereits geringe atmosphärische Druckunterschiede riesige Luftmassen bewegen können, lässt sich erahnen, welches technische Potenzial in kontrolliert erzeugten und gespeicherten hohen Drücken liegen kann.
Druckluft ist dabei kein Primärenergieträger. Sie ist eine Speicher- und Übertragungsform für zuvor geleistete Arbeit. Um Luft zu verdichten, muss zunächst Energie eingesetzt werden. Diese Energie kann beispielsweise aus Wind-, Sonnen- oder Wasserkraft oder aus zurückgewonnenen Bewegungsprozessen stammen.
Der Ablauf ist grundsätzlich einfach:
- Eine vorhandene Kraft verrichtet Arbeit.
- Diese Arbeit wird zum Verdichten von Luft genutzt.
- Die Druckluft wird gespeichert.
- Bei Bedarf wird sie kontrolliert entspannt.
- Die freigesetzte Energie treibt einen Arbeitsprozess an.
Auf diese Weise können kleine oder schwankende Leistungen über längere Zeiträume gesammelt werden. Eine regenerative Energiequelle müsste nicht augenblicklich einen großen Verbraucher versorgen. Sie könnte über viele Stunden hinweg schrittweise einen Druckspeicher laden. Die gespeicherte Energie stünde anschließend zu dem Zeitpunkt zur Verfügung, an dem sie tatsächlich benötigt wird.
Hebelgesetz und Drucktechnik zusammendenken
Das Hebelgesetz und die Drucktechnik folgen einem vergleichbaren Grundprinzip. Ein mechanischer Hebel übersetzt Kraft und Weg. Ein hydraulisches oder pneumatisches System verbindet Druck, Fläche und Volumenstrom.
Mit einer kleinen Kraft auf eine Kolbenfläche lässt sich in einem geschlossenen System Druck erzeugen. Wirkt dieser Druck auf einen größeren Kolben, entsteht dort eine größere Kraft. Dafür bewegt sich der größere Kolben über einen entsprechend kürzeren Weg.
Auch hier wird keine Energie erzeugt. Kraftgewinn und Wegverlust gleichen sich im idealen System aus. In der Praxis kommen Reibungs- und Umwandlungsverluste hinzu.
Durch Hebel, Kolben, Pumpen und Rückschlagventile kann eine kleine Kraft dennoch schrittweise einen hohen Druck aufbauen. Ein einzelner Arbeitsschritt mag nur eine geringe Luftmenge verdichten. Wird der Vorgang jedoch fortwährend wiederholt, füllt sich der Speicher zunehmend.
So lassen sich kleine Kräfte, die heute technisch oder wirtschaftlich kaum beachtet werden, über Weg und Zeit sammeln. Ihre Arbeitsfähigkeit kann als Druckpotenzial gespeichert und später mit einer höheren Leistung bereitgestellt werden.
In unserem Gedankenexperiment könnten die acht Milliarden angehobenen Gewichte daher auch durch Milliarden kleiner Kolben ersetzt werden. Jeder Mensch würde mit seiner täglichen Arbeitsleistung eine geringe Luftmenge in einen Speicher drücken. Der einzelne Beitrag wäre verschwindend klein. Zusammen könnten die Beiträge jedoch ein erhebliches Druckpotenzial aufbauen.
Wärme und Kälte gehören zum Gesamtsystem
Beim Verdichten von Luft entsteht Wärme. Bei der späteren Entspannung kühlt die Luft ab. Wird die Kompressionswärme einfach an die Umgebung abgegeben, geht ein erheblicher Teil der ursprünglich eingesetzten Exergie für eine spätere Rückverstromung verloren.
Ein intelligentes Druckluftsystem sollte deshalb nicht nur die verdichtete Luft, sondern auch die entstehende Wärme erfassen und nutzen. Sie könnte gespeichert, der Luft bei der Entspannung wieder zugeführt oder zuvor für Heizung, Warmwasser, Trocknung und industrielle Prozesse eingesetzt werden.
Auch die bei der Entspannung entstehende Kälte könnte beispielsweise Kühlprozesse unterstützen.
Genau hier zeigt sich die Bedeutung einer Energiemehrwegtechnologie: Ein technischer Prozess darf nicht nur nach seiner Hauptfunktion beurteilt werden. Seine Wärme-, Kälte-, Druck- und Bewegungsströme müssen als mögliche Eingänge für weitere Arbeitsprozesse verstanden werden.
Dieselbe eingesetzte Energie könnte dann nacheinander mehrere Aufgaben erfüllen.
Von der Einwegenergie zur Energiemehrwegnutzung
Elektrische Energie könnte zunächst eine Maschine antreiben. Die dabei entstehende Wärme könnte anschließend ein Gebäude beheizen oder Wasser erwärmen. Bremsenergie könnte gespeichert und für den nächsten Beschleunigungsvorgang genutzt werden. Überschüssige Wind- oder Sonnenenergie könnte langsam Gewichte anheben, Wasser pumpen oder Druckluft erzeugen.
Nicht jede Energie lässt sich vollständig zurückgewinnen oder unbegrenzt wiederverwenden. Bei jeder realen Umwandlung entstehen Verluste. Die Gesetze der Thermodynamik setzen klare Grenzen.
Doch zwischen diesen physikalischen Grenzen und unserer heutigen Verschwendung liegt ein gewaltiges, noch weitgehend ungenutztes Potenzial.
Energiemehrwegnutzung bedeutet deshalb nicht, dieselbe Energiemenge verlustfrei im Kreis zu führen. Sie bedeutet, jede vorhandene Energieform möglichst sinnvoll und mehrfach zu nutzen, bevor ihre Fähigkeit zur Verrichtung weiterer Arbeit zu gering geworden ist.
Materialien dürfen nicht länger zu Abfall werden
Was für Energie gilt, gilt ebenso für Rohstoffe. Noch immer produzieren wir zu viele Güter, deren Materialien nach kurzer Nutzung vermischt, verbrannt oder deponiert werden. Damit verlieren wir nicht nur wertvolle Stoffe, sondern auch einen großen Teil der Energie, die zuvor für Gewinnung, Verarbeitung und Transport eingesetzt wurde.
Eine wirkliche Kreislaufwirtschaft beginnt daher nicht erst beim Recycling. Sie beginnt bereits bei der Konstruktion. Produkte müssen langlebig, reparierbar, zerlegbar und technisch erneuerbar sein. Materialien sollten möglichst sortenrein getrennt und ohne erheblichen Qualitätsverlust erneut eingesetzt werden können.
Abfall darf nicht länger das vorhersehbare Endprodukt unserer Wirtschaftsweise sein. Er ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass ein Stoffkreislauf technisch oder organisatorisch noch nicht geschlossen wurde.
Die Natur gibt den Takt vor
Natürliche Systeme funktionieren weitgehend in Kreisläufen. Wasser verdunstet, bildet Wolken, fällt als Niederschlag und versorgt Böden, Pflanzen, Tiere und Menschen. Organisches Material wird abgebaut und bildet die Grundlage neuen Lebens. Wälder speichern Wasser, binden Kohlenstoff, regulieren Temperaturen und schaffen Lebensräume.
Doch auch die Regenerationsfähigkeit der Natur ist nicht unbegrenzt. Wenn wir Böden schneller auslaugen, als sie sich erholen können, Grundwasser schneller entnehmen, als es neu gebildet wird, oder Wälder schneller zerstören, als sie nachwachsen können, leben wir von der Substanz.
Nachhaltigkeit bedeutet für mich deshalb nicht, die Natur lediglich etwas langsamer zu verbrauchen. Sie bedeutet, unsere Eingriffe so zu gestalten, dass sich die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten und möglichst regenerieren können.
Auch hierbei ist Zeit von entscheidender Bedeutung. Ein Wald braucht Zeit zum Wachsen, Grundwasser benötigt Zeit zur Neubildung und ein geschädigter Boden braucht Zeit zur Regeneration. Wer diese Zeiträume ignoriert, zerstört Potenziale, die sich nicht beliebig schnell wiederherstellen lassen.
Technologie braucht ein neues Ziel
Technologie ist weder grundsätzlich gut noch schlecht. Entscheidend ist, welchem Ziel sie dient.
Technischer Fortschritt wird bislang häufig daran gemessen, ob er die Produktion steigert, Prozesse beschleunigt, Arbeitskosten senkt oder neue Absatzmärkte erschließt. Doch eine Maschine, die doppelt so schnell produziert und dadurch den Ressourcenverbrauch verdoppelt, ist nicht automatisch ein gesellschaftlicher Fortschritt.
Wir benötigen einen anderen Maßstab. Technologie sollte uns nicht nur dabei helfen, mehr zu fördern, herzustellen und zu konsumieren. Sie sollte uns ermöglichen, eine hohe Lebensqualität mit weniger Rohstoffen, geringeren Energieverlusten und weniger Schäden an den natürlichen Lebensgrundlagen zu erreichen.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr:
Wie können wir immer mehr produzieren?
Sie lautet:
Wie können wir die Bedürfnisse der Menschen besser erfüllen, während wir natürliche und energetische Potenziale erhalten und neu aufbauen?
Das Hebelgesetz kann dafür auch im übertragenen Sinne ein Vorbild sein. Wir müssen jene Punkte finden, an denen eine vergleichsweise kleine, aber intelligent eingesetzte Kraft eine große Wirkung entfalten kann. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass diese Wirkung Weg, Zeit und tatsächlich geleistete Arbeit benötigt.
Vorwärts in eine Zeit der Vernunft
Energetische Qualität zu bewahren, Stoffkreisläufe zu schließen und die Regeneration der Natur zu achten, bedeutet nicht, auf Fortschritt zu verzichten. Im Gegenteil: Es erfordert wahrscheinlich mehr Wissen, Kreativität und technische Innovationskraft als unsere bisherige Einweg- und Wegwerfwirtschaft.
Die Zukunft liegt für mich nicht im Verzicht um des Verzichts willen. Sie liegt in der intelligenten Nutzung dessen, was uns zur Verfügung steht: in langlebigen Produkten, immer wieder verwendbaren Materialien, miteinander verbundenen Energienutzungen und Speichersystemen, die auch kleine Kräfte und schwankende Energiequellen über längere Zeiträume nutzbar machen.
Wir müssen nicht zurück in eine Zeit des Mangels. Wir müssen vorwärts in eine Zeit der Vernunft.
Die fossilen Primärenergieträger zeigen uns, welche gewaltigen Potenziale entstehen können, wenn Energie über sehr lange Zeiträume gesammelt und konzentriert wird. Sie haben der Menschheit Kraft und Zeit für ihre bisherige Entwicklung gegeben. Nun müssen wir diese gewonnene Zeit nutzen, um technische Systeme zu schaffen, die nicht länger nur von den Vorräten der Vergangenheit leben.
Unsere Aufgabe besteht darin, die fortwährend verfügbaren Kräfte der Gegenwart intelligent zu erfassen, miteinander zu verbinden und für die Zukunft zu speichern. Druck, Wärme, Kälte, Bewegung, Schwerkraft, Wasser, Fläche, Weg und Zeit müssen dabei als Bestandteile eines zusammenhängenden Systems begriffen werden.
Wahrer Fortschritt zeigt sich nicht darin, wie schnell wir die Vorräte unseres Planeten verbrauchen können. Er zeigt sich darin, wie klug wir Kraft, Weg und Zeit miteinander verbinden, wie oft wir Energie und Materialien nutzen und wie viel Lebensqualität wir schaffen, während wir die energetischen und natürlichen Potenziale der Erde für kommende Generationen bewahren und neu aufbauen.