Eine lebenswerte Zukunft braucht ein stimmiges System

Tagtäglich erreichen uns Bilder von Krieg, Zerstörung, Not und verwüsteten Lebensräumen. Sie zeigen Menschen, die ihre Heimat verlieren, und Gesellschaften, deren Zukunft zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischen Machtkämpfen zerrieben wird.

Viele dieser Entwicklungen sind durch menschliche Entscheidungen entstanden oder verschärft worden: durch geostrategische Interessen, durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und durch eine Wirtschaftsweise, die langfristige Folgen zu häufig ausblendet. Nicht alles wurde bewusst geplant. Manche Prozesse entwickeln eine Eigendynamik, die sich irgendwann kaum noch beherrschen lässt. Doch auch dann bleibt die Frage nach unserer Verantwortung.

Wir gestalten unsere Lebensbedingungen innerhalb der Biosphäre – jenes Lebensraums, von dem unsere gesamte Existenz abhängt. Eine Entwicklung, die ihre eigenen natürlichen Grundlagen zerstört, kann auf Dauer keinen Wohlstand sichern.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was müssen wir verändern, damit eine nachhaltige, lebensbejahende Entwicklung im Sinne aller Menschen und allen Lebens möglich wird?

Die Systeme gemeinsam denken

Nach meiner Überzeugung reicht es nicht, einzelne Fehlentwicklungen zu korrigieren. Wir müssen das Zusammenspiel von Wirtschaft, Geld und Einkommen grundlegend überprüfen.

Diese drei Bereiche bilden eine zusammenhängende Ordnung. Die Wirtschaft stellt Waren und Dienstleistungen bereit. Das Geldsystem ermöglicht ihre Finanzierung und ihren Austausch. Das Einkommenssystem entscheidet wesentlich darüber, wer an den erbrachten Leistungen teilhaben kann.

Wenn diese Bereiche gegeneinander arbeiten, entstehen Widersprüche: Gesellschaftlich notwendige Leistungen bleiben unfinanziert. Vorhandene Produktionsmöglichkeiten treffen auf fehlende Kaufkraft. Wirtschaftlicher Erfolg geht mit ökologischen Schäden einher. Menschen leisten ihren Beitrag und können dennoch nicht sicher von ihrem Einkommen leben.

Mein Vorschlag ist deshalb ein Junktim: eine verbindliche Verknüpfung eines nachhaltigen Wirtschaftssystems mit einem dazu passenden Geld- und Einkommenssystem. Jedes dieser Systeme muss die Voraussetzungen stärken, von denen die anderen abhängen.

1. Eine Wirtschaft, die ihre Lebensgrundlagen erhält

Eine zukunftsfähige Wirtschaft muss menschliche Bedürfnisse mit möglichst geringem Energie- und Ressourcenaufwand erfüllen. Dabei sollten Rohstoffe möglichst lange genutzt, Produkte repariert und Materialien in Kreisläufe zurückgeführt werden.

Auch die Energienutzung braucht eine solche Perspektive: Energieverluste verringern, Abwärme nutzen, geeignete Speicher entwickeln und verschiedene Anwendungen sinnvoll miteinander verbinden.

Dabei gilt eine physikalische Grenze: Energie lässt sich bei ihrer Nutzung nicht verlustfrei im Kreis führen. Rohstoffkreisläufe und die wiederholte Nutzung eines Energieträgers benötigen eine Energiezufuhr. Gerade deshalb kommt es auf effiziente Technik und erneuerbare Energiequellen an.

Das Entwicklungsziel sollte sein, saubere Energie möglichst vielerorts verfügbar zu machen und sie durch geeignete Energieträger und Speicher zuverlässig für Arbeit, Versorgung und Mobilität bereitzustellen. Welche Technologien dafür geeignet sind, muss anhand ihrer gesamten Bilanz geprüft werden: Herstellung, Wirkungsgrad, Materialbedarf, Kosten und Umweltfolgen.

So könnte eine Wirtschaft entstehen, deren Leistungsfähigkeit darauf beruht, mit weniger Verbrauch mehr Lebensqualität zu ermöglichen.

2. Ein Geldsystem, das sinnvolle Entwicklung ermöglicht

Ein stimmiges Geldsystem sollte notwendige und gewünschte Wertschöpfung ermöglichen und dauerhaft unterstützen.

Entscheidend wäre, ob es gelingt, Menschen, Wissen, Technik und vorhandene Ressourcen für gesellschaftlich sinnvolle Aufgaben zusammenzubringen. Dazu gehören eine sichere Versorgung, Bildung, Gesundheit, bezahlbarer Wohnraum und der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Finanzierung muss sich dabei an realen Möglichkeiten orientieren. Geld allein schafft weder Energie noch Rohstoffe oder Fachkräfte. Es kann aber ermöglichen, dass vorhandene Fähigkeiten wirksam werden und neue Kapazitäten entstehen.

Ein nachhaltiges Geldsystem müsste deshalb Investitionen fördern, deren Nutzen langfristig trägt. Es sollte verhindern, dass kurzfristige Renditeerwartungen notwendige Entwicklungen verdrängen oder Risiken auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.

Geld sollte ein wirksames Werkzeug gesellschaftlicher Entwicklung sein. An diesem Zweck muss sich seine Architektur messen lassen.

3. Ein Einkommenssystem, das Leistung und Teilhabe verbindet

Wertschöpfung erfüllt ihren gesellschaftlichen Zweck erst dann, wenn ihre Ergebnisse die Menschen erreichen.

Ein leistungsgerechtes Einkommenssystem muss Beiträge anerkennen, Verantwortung berücksichtigen und zugleich eine verlässliche Teilhabe ermöglichen. Dabei dürfen wir Leistung nicht ausschließlich mit dem Preis gleichsetzen, den sie am Markt erzielt. Pflege, Erziehung und viele andere gesellschaftlich unverzichtbare Tätigkeiten zeigen, wie unterschiedlich tatsächlicher Nutzen und finanzielle Anerkennung ausfallen können.

Ebenso braucht es Antworten für Menschen, die noch nicht, vorübergehend nicht oder nicht mehr erwerbstätig sein können.

Die zentrale Aufgabe lautet: Wie lassen sich aus der gemeinsam erbrachten Wertschöpfung Einkommen ableiten, die Versorgung sichern, Leistung würdigen und zur verfügbaren wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit passen?

Ein solches System müsste auch mit technischem Fortschritt umgehen können. Wenn weniger menschliche Arbeitszeit für bestimmte Leistungen notwendig wird, sollte daraus mehr Freiheit entstehen können: für Bildung, Familie, gesellschaftliches Engagement und ein selbstbestimmtes Leben.

Warum haben wir dieses Junktim noch nicht?

Ein vollkommenes System lässt sich nicht einfach beschließen. Unterschiedliche Interessen, begrenztes Wissen und schwierige Zielkonflikte bleiben bestehen. Dennoch sollte das kein Grund sein, die heutige Ordnung als alternativlos zu betrachten.

Veränderungen berühren bestehende Machtverhältnisse, Besitzstände und Geschäftsmodelle. Hinzu kommen institutionelle Gewohnheiten und die verständliche Sorge, beim Übergang Sicherheit zu verlieren. Häufig werden Wirtschaft, Geld und Einkommen zudem getrennt diskutiert, obwohl ihre Wechselwirkungen über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Diese Hindernisse müssen offen benannt und bearbeitet werden. Dafür braucht es einen nachvollziehbaren Findungsprozess: mit überprüfbaren Annahmen, transparenten Bewertungen und Pilotprojekten, die zeigen, welche Ansätze tatsächlich funktionieren. Ein offener Ideenraum wie Visionum IKS könnte dazu beitragen, Vorschläge zusammenzuführen und gemeinsam weiterzuentwickeln.

Wir müssen nicht warten, bis sich die gesamte Weltgemeinschaft auf eine neue Ordnung verständigt. Erste tragfähige Schritte können lokal und regional beginnen. Für globale Herausforderungen braucht es zugleich internationale Zusammenarbeit.

Die Bilder, die uns täglich erreichen, sind kein festgeschriebener Fahrplan unserer Zukunft. Sie sollten uns veranlassen, die Ursachen genauer zu untersuchen und unsere Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen.

Was hindert uns daran, Wirtschaft, Geld und Einkommen so aufeinander abzustimmen, dass sie gemeinsam eine nachhaltige, lebensbejahende Entwicklung tragen?

Diese Frage gehört in die Mitte der politischen Debatte. Und sie verdient konkrete Antworten.

Eckhard Bock · IKS Hessen
NEUE IDEEN FÜR EINE NEUE POLITIK

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