Ist unser Geldsystem verantwortlich für Überschuldung, Ungleichheit und Wirtschaftskrisen?

Einleitung

Seit Jahrzehnten beobachten wir drei parallel verlaufende Entwicklungen: eine stetig wachsende private und öffentliche Überschuldung, eine sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich sowie Wirtschaftskrisen, die nicht nur häufiger auftreten, sondern auch an Intensität gewinnen. Diese Phänomene werden meist als voneinander getrennte Probleme behandelt – als Folge falscher Politik, individueller Fehlentscheidungen oder externer Schocks. Eine tiefergehende Analyse legt jedoch nahe, dass sie systemisch miteinander verbunden sind. Im Zentrum dieser Verbindung steht das bestehende Geld- und Finanzsystem.

Der folgende Bericht untersucht, inwiefern die Struktur unseres Geldsystems selbst ursächlich zu diesen Fehlentwicklungen beiträgt.

Grundstruktur des heutigen Geldsystems

Das moderne Geldsystem basiert im Kern auf kreditbasierter Geldschöpfung. Der überwiegende Teil des umlaufenden Geldes entsteht nicht durch staatliche Ausgabe, sondern durch Kreditvergabe privater Geschäftsbanken. Jeder neu vergebene Kredit erzeugt neues Geld – jedoch stets zusammen mit einer Schuld.

Damit gilt ein zentraler systemischer Zusammenhang: Geld entsteht als Schuld und verschwindet, sobald diese Schuld getilgt wird. Die zu zahlenden Zinsen werden dabei nicht mitgeschöpft. Um Zinsforderungen bedienen zu können, ist das System dauerhaft auf neue Kredite und damit auf stetiges Wachstum angewiesen.

Überschuldung als systemische Folge

Überschuldung ist in diesem System kein Betriebsunfall, sondern eine strukturelle Konsequenz. Da Schulden inklusive Zinsen zurückgezahlt werden müssen, während das Geld dafür nur durch neue Verschuldung entsteht, wächst die Gesamtverschuldung zwangsläufig schneller als die reale Wirtschaftsleistung.

Dieses Problem betrifft nicht nur private Haushalte, sondern auch Unternehmen und Staaten. Staatliche Verschuldung ist dabei nicht primär Ausdruck politischer Maßlosigkeit, sondern häufig notwendig, um Konjunktureinbrüche abzufedern und systemische Zusammenbrüche zu verhindern. Paradoxerweise stabilisiert zusätzliche Verschuldung kurzfristig ein System, das langfristig genau durch diese Verschuldung instabil wird.

Vermögenskonzentration und soziale Ungleichheit

Die kreditbasierte Geldschöpfung begünstigt systematisch jene Akteure, die bereits über Vermögen und Sicherheiten verfügen. Kredite fließen überwiegend dorthin, wo Rückzahlung als sicher gilt – in große Unternehmen, Finanzmärkte und Immobilien.

Zinszahlungen bewirken dabei einen kontinuierlichen Transfer von Einkommen von der breiten Bevölkerung hin zu Kapitalbesitzern. Wer kein Vermögen besitzt, zahlt Zinsen – direkt oder indirekt. Wer Vermögen besitzt, erhält sie. Auf diese Weise wirkt das Geldsystem wie eine permanente Umverteilungsmaschine von unten nach oben.

Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ist daher weniger das Ergebnis individueller Leistungsunterschiede als vielmehr Ausdruck eines strukturellen Vorteils für Kapital gegenüber Arbeit und Realwirtschaft.

Wirtschaftskrisen als systemische Korrekturversuche

Wirtschaftskrisen erscheinen in diesem Kontext nicht als Ausnahme, sondern als notwendige Entlastungsmechanismen eines überdehnten Systems. Wenn die Verschuldung schneller wächst als die reale Wertschöpfung, entstehen spekulative Blasen. Platzt eine solche Blase, werden Schulden abgeschrieben, Vermögenswerte entwertet und wirtschaftliche Aktivität bricht ein.

Krisen wirken damit wie unkontrollierte Korrekturversuche eines Systems, das keinen eingebauten Mechanismus zur Stabilisierung besitzt. Notenbanken und Staaten reagieren regelmäßig mit Liquiditätsspritzen, Niedrigzinsen und Rettungsprogrammen – Maßnahmen, die kurzfristig stabilisieren, langfristig jedoch die strukturellen Ursachen weiter verschärfen.

Entkopplung von Geld und realen Werten

Ein weiteres zentrales Problem besteht in der zunehmenden Entkopplung des Geldsystems von realen, physischen und ökologischen Grundlagen. Geld vermehrt sich vor allem in Finanzmärkten, während natürliche Ressourcen, Energie und ökologische Tragfähigkeit als scheinbar unbegrenzte Inputs behandelt werden.

Diese Entkopplung ermöglicht nominelles Wachstum ohne entsprechende reale Wertschöpfung – ein Prozess, der nicht nur ökonomische Instabilität, sondern auch ökologische Übernutzung begünstigt.

Zuspitzung der Argumentation: Das Geldsystem als Treiber der Fehlentwicklungen

Die bisherigen Ausführungen lassen sich in einer klaren These bündeln: Nicht individuelles Fehlverhalten, politische Einzelfehler oder äußere Schocks sind die Hauptursache für Überschuldung, Ungleichheit und Krisen – sondern die innere Logik des bestehenden Geldsystems selbst.

Ein System, in dem Geld nur als verzinste Schuld entsteht, erzwingt permanenten Wachstumsdruck, fördert Vermögenskonzentration und destabilisiert sich zwangsläufig in Zyklen. Überschuldung ist dabei kein moralisches Versagen, sondern mathematische Konsequenz. Ungleichheit ist kein Betriebsfehler, sondern systemischer Effekt. Krisen sind keine Ausnahme, sondern unvermeidliche Korrekturen eines überdehnten Systems.

Politische Maßnahmen, die Symptome lindern sollen – Schuldenbremsen, Rettungspakete, Umverteilung oder Regulierung einzelner Märkte – greifen deshalb zu kurz. Sie bewegen sich innerhalb eines Rahmens, dessen Grundannahmen unangetastet bleiben.

Pointierter Schluss: Die eigentliche Systemfrage

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob unser Geldsystem zu Überschuldung, sozialer Spaltung und wiederkehrenden Wirtschaftskrisen beiträgt – sondern wie lange eine Gesellschaft bereit ist, diese systemischen Nebenwirkungen als Normalzustand zu akzeptieren.

Solange Geldschöpfung an Schuld und Zins gebunden bleibt, wird wirtschaftliche Stabilität immer nur geliehen sein – erkauft durch wachsende Verschuldung, ökologische Überlastung und soziale Spannungen. Jede Krise verschiebt die Probleme in die Zukunft, vergrößert jedoch ihre Dimension.

Eine nachhaltige Wirtschaftsordnung erfordert daher mehr als Reformen an der Oberfläche. Sie verlangt eine grundlegende Neubestimmung dessen, was Geld leisten soll: nicht primär Wachstum erzwingen, sondern reale Wertschöpfung abbilden, Stabilität ermöglichen und gesellschaftliche Entwicklung fördern.

Wer diese Systemfrage nicht stellt, verwaltet den nächsten Zusammenbruch. Wer sie stellt, eröffnet den Raum für echte Zukunftsfähigkeit.

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