Geschichte, aus der wir eigentlich etwas gelernt haben sollten

Wenn wir auf die Geschichte der dreizehn britischen Kolonien in Nordamerika zurückblicken, wird deutlich, welche gesellschaftliche Bedeutung das Geldsystem bereits damals besaß.

Die Kolonien verfügten im 18. Jahrhundert nur über wenig britisches Gold- und Silbergeld. Deshalb gaben verschiedene Kolonialregierungen eigenes Papiergeld heraus – sogenannte „Bills of Credit“. Dieses Geld erleichterte den Handel innerhalb der Kolonien und ermöglichte es, Waren, Arbeitsleistungen und öffentliche Aufgaben zu finanzieren, obwohl Edelmetalle knapp waren.

Benjamin Franklin gehörte zu den überzeugten Befürwortern eines ausreichend verfügbaren Papiergeldes. Bereits 1729 erklärte er in seiner Schrift „A Modest Enquiry into the Nature and Necessity of a Paper Currency“, dass eine wachsende Wirtschaft genügend Tauschmittel benötigt. Fehlt dieses Geld, können vorhandene Arbeitskräfte, Produktionsmöglichkeiten und Waren nicht mehr zusammenfinden.

Das ist der entscheidende Punkt: Nicht unbedingt die realen Leistungen fehlen – oftmals fehlt das Geld, um sie in Anspruch zu nehmen.

Wohlstand braucht ein funktionierendes Tauschmittel

Die nordamerikanischen Kolonien entwickelten sich wirtschaftlich sehr dynamisch. Menschen arbeiteten, produzierten, bauten Häuser, bewirtschafteten das Land und schufen neue Betriebe. Ihr Papiergeld unterstützte den Austausch zwischen Produzenten und Verbrauchern.

Wo ausreichend Kaufkraft zirkulierte, konnten Waren verkauft, Leistungen bezahlt und Menschen beschäftigt werden.

In Großbritannien bot sich gleichzeitig ein widersprüchliches Bild. Das Land war wirtschaftlich mächtig und verfügte über große Vermögen. Trotzdem lebten viele Menschen in bitterer Armut. Arbeitslosigkeit, Schulden, Bettel und überfüllte Armenhäuser gehörten zum gesellschaftlichen Alltag.

Wie konnte in einem reichen Land eine derart große Armut entstehen?

Die Antwort lautete damals häufig: Es gebe zu viele Menschen und zu viele Arbeitskräfte. Einige einflussreiche Denker betrachteten Kriege, Seuchen und Hunger sogar als unvermeidliche Mittel zur Begrenzung der Bevölkerung.

Doch waren wirklich die Menschen das Problem?

Oder war das wirtschaftliche System nicht in der Lage, vorhandene Arbeitskraft, reale Bedürfnisse und verfügbare Güter miteinander zu verbinden?

Als Großbritannien das koloniale Geld beschränkte

Mit den Währungsgesetzen von 1751 und 1764 schränkte das britische Parlament die Verwendung des kolonialen Papiergeldes erheblich ein. Der Currency Act von 1764 verbot nicht jede weitere Ausgabe von Papiergeld, untersagte den Kolonien aber, neue Geldscheine zum gesetzlichen Zahlungsmittel für öffentliche und private Schulden zu erklären.

Für die Kolonien bedeutete diese Regelung jedoch eine Verschärfung ihres ohnehin bestehenden Geldmangels. Gold und Silber waren knapp, während die eigenen Zahlungsmittel nicht mehr uneingeschränkt verwendet werden durften.

Benjamin Franklin setzte sich deshalb in London gegen diese Beschränkungen ein. Die Währungsfrage war nachweislich einer der Konflikte zwischen den Kolonien und dem britischen Parlament. Sie war jedoch mit einer der Hauptgründe für die Amerikanische Revolution. Hinzu kam die Teesteuer, Handelsbeschränkungen, Machtfragen und der grundsätzliche Streit über die Rechte der Kolonien.

Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn ihr trotz vorhandener Arbeit, Fähigkeiten, Rohstoffe und Bedürfnisse das notwendige Tauschmittel entzogen wird?

Armut in einer Welt des Überflusses

Diese Frage ist heute aktueller denn je.

Wir verfügen über ein Wissen, von dem frühere Generationen nur träumen konnten. Wir besitzen leistungsfähige Maschinen, automatisierte Produktionsanlagen, moderne Landwirtschaft, weltweite Kommunikationssysteme und künstliche Intelligenz. Wir könnten ausreichend Nahrung erzeugen, Wohnraum schaffen, Energie bereitstellen und allen Menschen Zugang zu Bildung, Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe ermöglichen.

Trotzdem erleben wir Armut, Obdachlosigkeit, Hunger, Arbeitslosigkeit und überforderte öffentliche Haushalte.

Nicht selten sind alle realen Voraussetzungen vorhanden: Menschen möchten arbeiten, Betriebe könnten produzieren und gesellschaftliche Aufgaben warten dringend auf ihre Erledigung. Dennoch geschieht nichts, weil angeblich das Geld fehlt.

Wie kann etwas fehlen, das der Mensch selbst geschaffen hat?

Geld ist kein Naturstoff. Es muss nicht unter großen Gefahren aus der Erde geborgen werden. Es ist ein gesellschaftlich vereinbartes Informations-, Bewertungs- und Tauschmittel. Seine eigentliche Aufgabe besteht darin, Leistungen, Bedürfnisse und Einkommen miteinander zu verbinden.

Wenn Geld jedoch überwiegend als verzinste Schuld entsteht, wächst mit ihm auch der Anspruch auf Rückzahlung und Zins. Dann müssen fortwährend zusätzliche Einkommen erwirtschaftet werden, um diese Ansprüche bedienen zu können. Wirtschaftliches Wachstum wird nicht mehr allein zur Verbesserung des Lebens benötigt, sondern zunehmend zur Stabilisierung des Finanzsystems.

Aus einem hilfreichen Tauschmittel wird ein gesellschaftlicher Wachstumszwang.

Das Geld muss den Menschen dienen

Ich behaupte nicht, dass jede Form von Kredit grundsätzlich falsch ist oder dass allein die Abschaffung von Zinsen alle Probleme lösen würde. Auch staatlich geschaffenes Geld kann bei falscher Bemessung Inflation auslösen und Vertrauen zerstören. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wer das Geld herausgibt, sondern nach welchen Regeln es entsteht, verteilt, verwendet und wieder aus dem Kreislauf genommen wird.

Die Geldmenge muss zur realen Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft passen.

Wird zu viel Kaufkraft geschaffen, ohne dass entsprechende Waren und Dienstleistungen zur Verfügung stehen, steigen die Preise. Wird zu wenig Geld bereitgestellt, obwohl Menschen arbeiten und Unternehmen produzieren könnten, entstehen Arbeitslosigkeit, Absatzkrisen und Armut.

Beides ist vermeidbar, wenn das Geldsystem konsequent an der realen Wertschöpfung und den tatsächlichen Bedürfnissen der Gesellschaft ausgerichtet wird.

Geld darf nicht bestimmen, welche lebensnotwendigen Aufgaben wir erfüllen können. Es muss ermöglichen, dass wir diese Aufgaben erfüllen.

Kriege sind keine wirtschaftliche Notwendigkeit

Ein System, das ständig neue Schulden, steigenden Ressourcenverbrauch und immer größeres Wachstum benötigt, erhöht zwangsläufig den Druck auf Menschen, Staaten und Natur. Der Kampf um Absatzmärkte, Rohstoffe, Energie und geopolitische Macht kann dadurch verschärft werden.

Aber Kriege sind kein unvermeidliches Naturgesetz und auch kein notwendiges Mittel, um eine Wirtschaft in Gang zu halten. Sie sind politische Entscheidungen – mit unermesslichen menschlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen.

Gerade deshalb müssen wir die wirtschaftlichen Strukturen untersuchen, die Konkurrenz, Abhängigkeiten und Existenzängste verstärken. Wenn Menschen befürchten müssen, ohne fortwährendes Wachstum ihre Arbeit, ihr Einkommen oder ihre gesellschaftliche Sicherheit zu verlieren, wird friedliche Zusammenarbeit immer schwieriger.

Ein lebensbejahendes Geld- und Einkommenssystem müsste deshalb nicht den Verbrauch, sondern die Versorgung der Menschen fördern. Es müsste wirtschaftliche Tätigkeit ermöglichen, ohne uns zu immer größerer Verschuldung, Ressourcenzerstörung und internationaler Konkurrenz zu zwingen.

Wir könnten ein Paradies auf Erden schaffen

Die Geschichte der kolonialen Papierwährungen liefert keine einfache Anleitung für das Geldsystem der Zukunft. Sie zeigt aber, wie entscheidend die Gestaltung des Geldes für Beschäftigung, Handel, Wohlstand und politische Freiheit sein kann.

Wir sollten daraus lernen.

Armut inmitten realen Überflusses ist kein unabwendbares Schicksal. Wenn Menschen arbeiten wollen, gesellschaftliche Aufgaben vorhanden sind und die notwendigen Kenntnisse sowie Produktionsmöglichkeiten bereitstehen, darf ihre Verwirklichung nicht allein daran scheitern, dass ein künstlich geschaffenes Tauschmittel fehlt.

Wir benötigen ein Geld- und Einkommenssystem, das Kaufkraft und reale Leistung miteinander verbindet. Ein System, in dem Einkommen nicht vorwiegend durch neue Verschuldung entstehen muss, sondern dort verfügbar wird, wo tatsächlich Waren und Dienstleistungen bereitgestellt werden. Ein System, das Kooperation belohnt, regionale Wirtschaftskreisläufe stärkt und den Schutz unserer Lebensgrundlagen zur Voraussetzung wirtschaftlichen Handelns macht.

Wir besitzen heute alle technischen und geistigen Möglichkeiten, eine sichere, friedliche und lebenswerte Welt zu gestalten. Was uns fehlt, sind nicht die Menschen, nicht die Arbeit und nicht die Ideen.

Uns fehlt der Mut, die Regeln zu verändern.

Wachen wir auf. Es geht auch anders.

Wir könnten uns tatsächlich ein Paradies auf Erden schaffen – nicht durch grenzenlosen Konsum, sondern durch ein stimmiges System, das dem Leben und den Menschen dient.

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